(England, Frankreich, Deutschland, Italien und USA)
Mit dem beantragten Forschungsprojekt untersuchen wir, wie in den fünf Ländern der Herausforderung begegnet wird, in ihrem jeweiligen System der frühkindlichen Bildung und Erziehung auch Immigrantenkinder zu berücksichtigen und was Immigranteneltern von Kindertageseinrichtungen für ihre Kinder erwarten. Die fünf beteiligten Länder sind die vier größten europäischen Staaten und die USA das Land mit der weltweit höchsten Einwanderungsrate. Die vier beteiligten europäischen Länder verfolgen sehr unterschiedliche Ansätze in Bezug auf Immigrantenkinder, die wiederum unterschiedliche kulturelle und geschichtliche Entwicklungen dieser Staaten widerspiegeln. Während Immigration in Italien und Deutschland ein eher neueres Phänomen ist, gibt es Einwanderung schon lange in den früheren Kolonialstaaten England und Frankreich. Alle fünf Länder sind demokratische Staaten und unterscheiden sich doch erheblich in Bezug auf Bürgerrechte, die Entwicklung des Nationalstaats, den Föderalismus, öffentliche Dienste und zivilgesellschaftliche Verantwortung.
Für die meisten 3-5jährigen Immigrantenkinder sind Kindertageseinrichtungen (die sich in den Ländern nach Struktur und Bezeichnung unterscheiden, wie école maternelle, ecola familia, Kindergarten, nursery, preschool, child center) die ersten Kontexte, in denen sie mit Unterschieden zwischen ihrer Familienkultur und der öffentlichen Kultur im Zielland der Migration konfrontiert sind. Für Immigranteneltern ist das Anmelden ihrer Kinder in einer Kindertageseinrichtung einer der besonderen Zeitpunkte, in dem Norm- und Wertvorstellungen ihrer Familienkultur mit denen der Umgebungskultur in Kontakt kommen und nicht selten in Konflikt geraten. In Ländern mit einer hohen Einwanderungsrate haben Einrichtungen der frühkindlichen Erziehung und Bildung eine Schlüsselfunktion bei der Durchsetzung nationaler Ziele zur sozialen Eingliederung und bei der Heranbildung der Staatsbürger von morgen.
Was soziale Fragen in der Europäischen Gemeinschaft angeht, so gibt es derzeit wohl keine größere Herausforderung als die Auswirkung weltweiter Migration, für jedes einzelne Land und für die Union als Ganze. Immigration ist ein zentrales politisches Thema: Es verdeutlicht die Verknüpfung nationaler mit internationaler Politik. Es ist verbunden mit Verarmungsprozessen in urbanen Zentren und den damit zusammenhängenden sozialen Problemlagen. Es berührt gesellschaftliche Kernfragen wie die nach dem Selbstverständnis als Nation, als Volk, als Gemeinschaft. Im öffentlichen Klima nach dem 11.9.2001, das geprägt ist von Besorgnis um die nationale Sicherheit, von steigender Arbeitslosigkeit und zunehmendem Rassismus, hat sich das Verhältnis zu Immigranten noch verschärft.
Einwanderung ist eng verbunden mit der Frage kultureller Vielfalt. In allen fünf der an unserer Untersuchung beteiligten Länder sind es hauptsächlich die Immigranten, die eine kulturelle, sprachliche, ethnische und religiöse Vielfalt mit sich bringen. In unserer Untersuchung beziehen wir uns zwar auf vorliegende Literatur zu Vielfalt, beschränken uns aber auf die Erfahrungen von Immigranten, die erst in den letzten Jahren eingewandert sind. Es gibt viele ähnliche Fragen, die sich beispielsweise in den USA Eltern mit afro-amerikanischem und Eltern mit mexikanischem Hintergrund stellen, wenn sie ihre Kinder in Kindertageseinrichtungen bringen, aber es gibt auch wichtige Unterschiede.
Diese Untersuchung ist selbst interkulturell und international angelegt, in zweierlei Hinsicht: Zum einen beschäftigt sie sich mit Kindertageseinrichtungen in fünf Ländern und zum anderen wird die Untersuchung in einer engen Zusammenarbeit von Forschungsteams aus diesen fünf Ländern durchgeführt. Der methodische Ansatz entspricht dem von Tobin, Wu & Davidson in ihrer Untersuchung ”Preschools in Three Cultures” (Japan, China und USA, Yale University 1989). Wir werden in jedem der Länder Videoaufnahmen in Kindertageseinrichtungen machen, von typischen Tagesabläufen in Gruppen mit 4-jährigen Kindern. Diese Aufnahmen sind in unserer Studie nicht die Untersuchungsdaten im engeren Sinne, sondern wir benutzen sie als Stimuli für interkulturelle Dialoge über Erziehung, in welche die Stimmen aller daran Beteiligten eingehen sollen. Die Videoaufnahmen regen Eltern, Fachkräfte, anerkannte Personen aus dem Gemeinwesen und Trägervertreter auf, in Gesprächen ihre Vorstellungen und Anliegen zu äußern. Indem wir dieselben Videoaufnahmen den Beteiligten in den fünf Ländern zeigen werden, bekommen wir Hinweise auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede, wie in den Ländern die Anforderungen und Versprechungen angegangen werden, Immigranten in die gesellschaftlichen Strukturen einzubeziehen.
Ziel des Projekts ist es, fünf Modelle der Arbeit mit Immigrantenkindern zu beschreiben in der Hoffnung, dass die beteiligten Länder voneinander lernen können. Nicht indem sie Vorgehensweisen direkt voneinander übernehmen, sondern indem sie sich mit Ansätzen beschäftigen, die das eigene Repertoire an Möglichkeiten erweitern und die eigenen, für selbstverständlich erachteten Grundannahmen in Frage stellen. Wir glauben, dass jedes der an der Untersuchung beteiligten Länder, einschließlich der USA, die sich selbstbewusst als Land von Einwanderern definieren, viel gewinnen kann, indem es seine Vorgehensweisen mit einer Auswahl von Ansätzen vergleicht. Es ist bedenklich, dass in bisherigen Untersuchungen die Erfahrungen von Immigrantenkindern in Kindertageseinrichtungen wie auch die Erwartungen von Immigranteneltern unterschiedlicher Herkunft an diese Einrichtungen zu kurz kommen. Diskussionen über Einwanderungspolitik und insbesondere darüber, welche Aufgaben den Kindertageseinrichtungen gegenüber Immigrantenkindern zukommen, tendieren in allen fünf beteiligten Ländern dazu, in erbitterten Debatten stecken zu bleiben, in denen kaum Neues gesagt wird und in denen kaum jemand seine Meinung ändert. Indem wir aufzeigen, auf welch unterschiedliche Weise in den fünf großen demokratischen Staaten diese Frage angegangen wird, möchten wir dazu beitragen, das in diesen Debatten charakteristische Denken in Dichotomien und Gegensätzen aufzubrechen und hilfreichere und fantasievollere Ansätze und Praktiken zu ermöglichen.
Mit dieser Untersuchung wenden wir uns an Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche wie Erziehungswissenschaften, Kleinkindpädagogik, Entwicklungspsychologie, Soziologie, Anthropologie und Politikwissenschaften, wie auch an Politiker, Repräsentanten in Gemeinden, MitarbeiterInnen der Jugendhilfe-Verwaltungen und an pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden sowohl in der Europäischen Union als auch in den USA Implikationen für zentrale Politikbereiche wie soziale Ausgrenzung, Kinderarmut, Bildungsbenachteiligung, Erwerbstätigkeit von Eltern haben. Es handelt sich um Probleme, die in Immigrantenquartieren besonders akut sind. Untersuchungen weisen darauf hin, dass diese Probleme durch Angebote frühkindlicher Bildung und Erziehung gemindert werden können, die von hoher Qualität sind und kulturelle Vielfalt berücksichtigen.
Als Ergebnisse der Untersuchung werden Fachartikel vorgelegt und auch ein Buch, das sich nicht nur an WissenschaftlerInnen, sondern auch an ErzieherInnen, Lehrkräfte, PolitikerInnen und Laien richten wird. Als weiteres Produkt ist eine DVD geplant, Fortbildungsmaterialien und ein Kurskonzept. Wir hoffen und erwarten, dass diese Materialien und Publikationen Auswirkungen darauf haben werden, was Immigrantenkindern und ihren Familien in Kindertageseinrichtungen in Frankreich, Deutschland, England, Italien und in den USA angeboten wird.
Projektkoordination
Forschungsteams der fünf Länder
England
Frankreich
Deutschland
Italien
USA
Das Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren, Beginn ist im Sommer 2004.
| Juli 2004 | Treffen der Forschungsgruppe zur Sichtung erster Videoaufnahmen, Organisation der nächsten Schritte |
| Sept-Dez. 2004 | Videoaufnahmen in Kindertageseinrichtungen in den fünf Ländern |
| Jan-April 2005 | Schnitt der Videoaufnahmen auf 30 Minuten pro Einrichtung |
| Mai-Juni 2005 | Einzelgespräche und Gruppengespräche über die Videos in jedem Land mit ErzieherInnen, Eltern, Trägervertretern |
| Juli 2005 | Treffen der Forschungsgruppe zur Bearbeitung der Videoaufnahmen, Beginn der Analysen auf Länderebene |
| Sept-Dez 2005 | Videoaufnahmen werden an 6 weiteren Standorten im jeweiligen Land gezeigt, Durchführung von Einzel- und Gruppengesprächen mit ErzieherInnen, Eltern, Trägervertretern |
| Jan-April 2006 | Videoaufnahmen der 5 Länder werden in den anderen Ländern gezeigt und mit Eltern, ErzieherInnen, Trägervertretern diskutiert |
| Sommer 2006 |
Datenanalyse |
| Sept '06- '07 | Schreibphase; Produktion von Fortbildungsmaterial und DVD |